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Die Zukunft des Journalismus: Medienhysterie im Realitätscheck

Der Rauswurf von Chefredakteur Jörg Quoos beim „Focus“, der Machtkampf beim „Spiegel“, die Ablösung von Dominik Wichmann beim "Stern" - und das alles innerhalb weniger Tage. Keine Frage:  Es sind spannende Zeiten für Journalisten. Nicht nur für die unmittelbar Betroffenen, sondern für die gesamte Medienbranche.

Die drei Redaktionen sorgen nicht nur aus vergleichbaren Gründen für Schlagzeilen, sie kämpfen auch mit den gleichen Problemen: sinkende Auflagen, veränderte Lesegewohnheiten, wegbrechende Erlöse, neue Konkurrenten. Kurz: Die Herausforderungen für Journalisten und Redaktionen in einer sich rasant wandelnden Branche sind riesig. Noch ungleich größer sind in diesem Zusammenhang die Erwartungen an die Chefredakteure der genannten Magazine.

Das erklärt selbstverständlich auch das enorme professionelle Interesse an ihrer Entwicklung: Wenn jemand Antworten auf die großen Fragen der Branche finden kann, dann doch wohl sie. Immerhin handelt es sich bei „Focus“, „Spiegel“ und „Stern“ um die letzten Wochenmagazine, die mutmaßlich noch jeder in Deutschland kennt.

Es ist nur zu verständlich, dass Journalisten sich dafür interessieren, wie es um ihre eigenen Perspektiven steht. Warum sollte das auch anders sein als bei anderen Arbeitnehmern? Nur mit dem offensichtlichen Unterschied, dass Journalisten ihre Sicht der Dinge sehr leicht in einem Medium veröffentlichen können.

Angetrieben von der allgegenwärtigen Angst vor weiter erodierenden Printerlösen und in Ermangelung tragfähiger Online-Geschäftsmodelle wird geschrieben, was das Zeug hält. In unzähligen Analysen und Kommentaren widmen wir uns der Zukunft des Journalismus.

Die gesamte Medienlandschaft hyperventiliert: Nicht wenige Kollegen bestreiten, dass der Journalismus überhaupt eine hat. Die Menschen interessieren sich angeblich nur noch für Katzencontent und dämliche Videos. Andere Kommentatoren sehen sich dazu veranlasst, den jeweils anderen Verlagshäusern tadelnd ihre Versäumnisse unter die Nase zu reiben. Besonders gerne reagiert man mit demonstrativem Unverständnis auf die Blockade-Haltung beim Spiegel. Dass es im eigenen Haus nicht besser aussieht, wird dabei schon mal verschwiegen. Meist sieht es dort ohnehin auch eher schlechter aus.

Gute Ratschläge, heftige Kritik und Kollegenschelte, wohin man nur blickt. Erstaunlich viele Kollegen wissen ganz genau, wie die einzig richtige Antwort auf alle Probleme lautet. Gleiches gilt, wenn es um den Typus Chefredakteur geht, der einzig geeignet ist, die Herausforderungen der Medienbranche zu bewältigen. Leider sieht das aber jeder anders, und ausgerechnet Journalisten lassen sich ja auch nicht sonderlich gerne sagen, was sie richtig finden sollen.

Wenn man sich so intensiv mit sich selbst beschäftigt, gelangt man wohl unweigerlich zu der Erkenntnis: Die ganze Welt verfolgt gebannt, wie es weitergehen soll mit uns, dem Qualitätsjournalismus - und damit eng verbunden - der demokratischen Grundordnung. Die Zukunft des Journalismus ist im Grunde nichts anderes als eine emotional zugespitzte Dramatisierung des WM-Finales.

Und dann: Wochenende. Treffen mit Eltern, Freunden, Bekannten. Gespräche über die Bundesliga, Putin, den Ebola-Patienten in Hamburg, Schwangerschaft, Urlaub, den miserablen Sommer. Nur ein Thema ist kein Thema. Möglicherweise - aber natürlich nur möglicherweise - ist die Zukunft von uns Journalisten gar nicht DAS zentrale Problem unserer Zeit. Irgendwie ernüchternd und beruhigend zugleich.

Ein Gedanke zu „Die Zukunft des Journalismus: Medienhysterie im Realitätscheck

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