Das nach wie vor Merkwürdigste an der LSR-Debatte ist für mich, dass ausgerechnet Verlage mit Hilfe absurder Argumente und manipulativer Lobbyarbeit versuchen, ihr lange Zeit hochprofitables, inzwischen aber überholtes Geschäftsmodell zu retten.

Nach erfolgreicher Einflussnahme auf die Politik wurde das krude Gesetz im März 2014 verabschiedet. Die zwölf an der VG Media beteiligten Verlage wollten damit erreichen, dass vor allem Google für Verlagsinhalte zahlt, die bei Google News sowie in der Google-Suche in Form sogenannter Snippets stark verkürzt dargestellt werden.

Ein automatischer Geldregen für die Verlage wollte sich dennoch nicht einstellen.  In den letzten Tagen kam daher wieder Bewegung in die Leistungsschutzdebatte: Neben Google nimmt die VG Media nun auch Microsoft, Yahoo, Telekom und 1&1 ins Visier.

Folgt man der Argumentation der beteiligten Verlage, beruht der wirtschaftliche Erfolg Googles und anderer Internetfirmen zu großen Teilen auf der rechtswidrigen Nutzung dieser Inhalte. Google ist nicht viel mehr als ein Parasit, der auf Kosten der Verlage so groß wurde, wie er heute ist.

Nicht nur Google hält die Forderungen der VG Media für unbegründet, weil jeder Verlag seit jeher selbst entscheiden kann, ob seine Inhalte von Suchmaschinen überhaupt gefunden werden können. In dieser sehr eigenen Logik wird Google überhaupt nur milliardenfach genutzt, weil man auf der Suche nach Zeitungsartikeln ist.

Besonders absurd: Die Onlineangebote der Verlage investieren aus freien Stücken sehr viel Zeit und Geld in die Optimierung ihrer Inhalte, da sie die Reichweite und die User von Google und Co. nämlich nur zu gerne auf ihren Webseiten begrüßen. Sehr nachdrücklich und gut nachvollziehbar beschreibt Stefan Niggemeier die Lobbyarbeit der VG Media in seinem Blogeintrag "Lügen fürs Leistungsschutzrecht (7)":

"Die Strategie im Fall von Google ist betörend paradox: Google soll gleichzeitig verboten und dazu gezwungen werden, Verlagsinhalte in seinen Suchergebnissen anzuzeigen."

Die Art und Weise, in der die VG Media bei Anbahnung und Umsetzung des LSR auf die Politik einwirkt, verdeutlicht, dass ausgerechnet die Verlage der Wahrheit nicht so sehr verpflichtet sind, wie sie selbst gerne behaupten. Ebenfalls zeigt sie unmissverständlich, dass es mit der Medienkompetenz zahlreicher Politiker nicht sonderlich weit her ist.

Bei jeder anderen Branche mit ähnlichen Problemen diagnostizieren Journalisten und Verleger gerne mangelnden Veränderungswillen und betonen die Gesetze des Marktes: Wer sein Geschäftsmodell nicht permanent anpasst oder kein attraktives Produkt verkauft, verschwindet vom Markt.

In vielen Branchen ist das folgerichtig, ein üblicher Produktzyklus - im Journalismus jedoch ein beispielloser Skandal, gibt es doch vermeintlich ein Recht auf Fortbestand des immer gleichen Geschäftsmodells bei sinkender Attraktivität des Produkts und nachlassender Nachfrage.

Systematisch erfolgt der Ruf nach staatlicher Einflussnahme. Eine Zwangsabgabe für notleidende Verlage muss her, denen selbst nicht viel mehr einfällt als die Preise zu erhöhen und im großen Stil Redakteursstellen abzubauen.

Selbstverständlich kann und muss man Googles Marktmacht durchaus kritisch betrachten; den Erfolg anderer Marktteilnehmer aber permanent für die eigenen sinkenden Gewinne verantwortlich zu machen, ist aber zu einfach gedacht und führt meist in die eigene Bedeutungslosigkeit.

Die eigentliche Frage, ob eine täglich erscheinende Zeitung heute wirklich noch ein für viele Menschen attraktives Produkt ist, wird noch nicht einmal gestellt, geschweige denn, ehrlich beantwortet.

Foto: Screenshot "Verteidige Dein Netz"